Das Tausend-Autoren-Buch
Kapitel 1 - Ohne Titel

Etwas später als versprochen, aber man weiß ja nie, wann die Muse einen küsst. Aber immerhin hat sie es getan und ich habe mir die Zeit genommen. Lest mal rein, wie ihr das so findet.
Man kann den Text verwerfen, ändern oder woanders einbauen, mir völlig gleich.
Ich habe mich von Maccabros' wunderbarem "Prolog" (oder was auch immer es mal wird) inspirieren lassen und das Buch mit eingebunden. Nur kann man hier die silberne Aufschrift nicht lesen.

Die Straße war finster. Ein feiner Nieselregen hatte den Asphalt bereits vollständig benetzt und vertrieb so auch den letzten Funken von Gemütlichkeit. Im Abstand von etwa zwanzig Metern erhellte das gelbliche Licht der Straßenlaternen ein Umfeld von der Größe eines Müllcontainers. Die Nacht war still bis auf das gelegentliche Klappern der Fensterläden im Wind und das Geräusch des Wassers, dass mit einem Gurgeln in der Kanalisation verschwand.
Der Klang von Schritten hallte durch die Stille. Pfennigabsätze. Ein Hund bellte. Ein Schlüssel klirrte. Eine Tür wurde geräuschvoll zugeschlagen. Dann war wieder nichts zu hören.
Die Fenster des Hauses am Ende der Straße ließen erkennen, dass das Licht eingeschaltet war. Die Umrisse spiegelten sich silbern auf der nassen, gepflasterten Einfahrt wieder. Die Vorhänge waren zugezogen, jedoch durchsichtig genug um zumindest Silhouetten erkennen zu lassen.
Es war ein für die Verhältnisse dieses Viertels gepflegtes Mietshaus. Bei Tageslicht hätte man erkennen können, dass der gelbliche Anstrich an einigen Stellen der Fassade bereits abgeblättert war und die Schieferplatten, mit denen das Dach gedeckt war, von grauen Moospflanzen überwuchert wurden. Die ehemals weißen Kunststofffenster waren alt und wiesen nur bei einer der insgesamt vier Wohnungen weniger Grünspan auf. Doch schäbig oder gar baufällig war das Haus nicht. Es war nur hässlich. Im Dunkel der Nacht dagegen, sah es genauso aus, wie alle anderen Häuser. Schwarz.
In dieser Nacht jedoch unterschied es sich von den anderen eben genau dadurch, dass Licht brannte und Gestalten gelegentlich innen am Fenster vorbei liefen und gestikulierten. Eines der Fenster war gekippt, doch trotz diesem Umstand drang kein Laut nach draußen in die dunkle Nacht. Nach der Intensität zu urteilen, mit der die Gestalten mit den Händen rangen, unruhig auf und ab gingen und die Köpfe schüttelten, musste es dort drin sehr hitzig zugehen oder die Personen mussten zumindest sehr erregt sein. Es sah aus, als wäre dies eine Pantomime-Vorstellung.
Niemand sah die schwarzen Figuren hinter dem dünnen Vorhang. Die Stadt schlief zwar nicht, doch die Straße, in der das hässliche gelbe Haus unter den vielen anderen hässlichen Häusern stand, lag bereits in tiefem Schlummer.
Im Inneren des beleuchteten Zimmers schlugen die Pfennigabsätze dumpf auf den dunklen Teppichboden. Noch immer perlte Regenwasser von den Damenstiefeln aus Kunstleder. Schritte, immer auf und ab. Zwei Männer unterhielten einen angespannten Dialog, doch eine Frauenstimme war nicht zu hören. Die Sprechenden saßen nun an einem schweren Eichentisch rechts von der Tür, nachdem sie es aufgegeben hatten aufgeregt im Zimmer hin und her zu stampfen. Die andere Seite des Zimmers wurde von einem großen Kamin beherrscht, in dem hinter einer verrußten, in Gusseisen gefassten Glasplatte ein munteres Feuer flackerte. An der Wand gegenüber der Tür befanden sich rechts und links vom Fenster große Bücherregale, die voll gestopft waren mit allerlei literarischen Genüssen und Miseren. Wer dieses Domizil bewohnte hatte scheinbar keine Feingefühl dafür was in eine ausgewogene Sammlung gehörte und was nicht. Zudem hatte irgendein Banause jede Menge Hochglanzmagazine lieblos in die Zwischenräume gestopft. Die einzige Lichtquelle im Zimmer war ein sehr gelungener modischer Fehlgriff in Gestalt eines skurrilen Deckenleuchters, der einige merkwürdig erscheinende, grünliche Strahlen zustande brachte. Aber auch ohne diese Lampe wäre die sich darbietende Szenerie bizarr und gespenstig genug gewesen.
Das Geräusch der Pfennigabsätze wanderte zum Fenster, verharrte dort kurze Zeit und machte sich dann auf in Richtung Kamin. Die Stimmen verstummten. Jemand sog scharf den Atem ein und schien die Luft anzuhalten.
Wieder starrte die Frau fasziniert die vergilbten Seiten in dem schwarzen Ledereinband an. Das Buch auf dem Kaminsims schien steinalt zu sein. Doch von außen war kein Titel zu erkennen und sie hatte es nie geöffnet um darin zu lesen. Sie wagte nicht, es noch einmal zu berühren. Der Weg war so lang gewesen und die ganze Zeit hatte sie es bei sich getragen. Doch irgendetwas war daran, das sie erschauern ließ. In Gedanken ließ sie ihre Augen über die Seiten wandern, doch die Blätter waren leer. Leer wie ihr Blick als sie erkannte, dass sie niemals erfahren würde, welche Geheimnisse dieses Schriftstück barg. Beinahe empfand sie etwas wie Trauer darüber, dass sie die Seele des Buches nicht zu ergründen vermochte, obwohl sie eine der Personen war, die dieses wertvolle und viel gesuchte Unikat längere Zeit in ihrer Gewalt gehabt hatten. Sie schloss die Augen und streckte die Hand aus. Bevor ihre Finger den breiten Kaminsims erreicht hatten hielt sie inne.
Plötzlich bemerkte sie, dass die Männer sie von der anderen Seite des Zimmers her beobachteten und drehte sich fast erschrocken um. Sie hätte keinen Grund dafür nennen können, warum sie, wie ein kleines Mädchen, die Hände hinter ihrem Rücken zu verbergen versuchte. Vielleicht erschrak sie bloß über sich selbst. Ihr Blick wanderte zum Gegenüber. Die Männer schauten weder zornig noch bestürzt und trotzdem hatte sie das Gefühl, eine unbekannte Regel übertreten zu haben. Die Gesichter waren gleichgültig, die Augen ausdruckslos. Ganz so als würden die Männer nicht sie anstarren, sondern durch sie hindurch, durch sie hindurch auf…
Ihr Körper verdeckte die Aussicht auf den Kaminsims und doch… Sie wusste, dass die Männer auf das Buch starrten.

8.9.10 17:12
 


bisher 10 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Maccabros / Website (10.9.10 18:29)
Das gefällt mir seht gut - Du kanst toll schreiben, besser als ich - hinsichtlich der Einordnung würde ich es vielleicht vor meinem Anfang einbauen - das mit den unlesbaren Seiten finde ich eine ganz tolle Idee und die Stimmung welche Du erzeugst gefält ebenso...


Mondrausch / Website (12.9.10 23:23)
Ich habe das ganze schon vor ein paar Tagen gelesen aber ich bin noch nicht dazu gekommen es zu kommentieren.
Ich mag dieses Kapitel und seitdem ich es gelesen habe schwirren mir ein paar Bruchstücke im Kopf herum die ich in den nächsten Tagen mal in eine Sinnvolle Reihnfolge bringen werde. Ich habe keine Ahnung ob sie in irgendeinerweiße überhaupt dazu passen aber falls sie nicht passen sollten kann man sie ja immer noch verwerfen.
Lg


Ramandor (13.9.10 09:47)
Ich freue mich, dass euch das Kapitel gefällt und inspiriert hat.
Wo wir es hinpacken, steht noch in den Sternen.
Tja... Wohin jetzt mit unseren Ideen?


Maccabros / Website (13.9.10 21:45)
Wie wäre es damit, dass jeder ein grobes Grundgrüst der Geschichte erstellt und das Gerüst was allen gefällt, wird genommen?


Ramandor (14.9.10 09:23)
Eine sinnvolle Idee. Wenn einige Ideen besonders gefallen, kann man diverses ja miteinander verschmelzen.
Ich schreib gleich einen Eintrag dazu.


Mondrausch / Website (14.9.10 19:29)
Ich finde den Vorschlag auch gut.
Allerdings könnte das bei mir etwas dauern. Den eigentlich schreibe ich normalerweiße immer etwas Planlos aber ich werde mich bemühen ein Konzept zu entwickeln.


Ramandor (15.9.10 09:30)
Schreib einfach frei von der Leber weg. Du musst ja gar kein ganzes Konzept erstellen. Bestimmt hast du auch ein paar einzelne ergänzende Ideen, die uns weiterhelfen!



marmor / Website (19.9.10 01:08)
ich finde den text echt super. Bin nur in letzer Zeit kaum zum lesen/schreiben gekommen, weil mir der Kopf von anderen Sachen fast übergelaufen ist.
Das mit den unterschiedlichen Gerüsten finde ich auch eine geniale Idee. Nur kann es bei mir, wie bei Mondrausch auch noch etwas dauern, bis ich es zusammen habe.
Tut mir Leid


hänschenklein / Website (21.9.10 18:35)
wow. ich bin begeistert.
ich komm mir vor wie ein grdunschüler der die arbeit eines abiturienten liest. klasse.
wie soll man daran jetzt anknüpfen?

lg.


Ramandor (22.9.10 12:07)
@Hänschenklein:
Danke.
Wenn dir beim Lesen Ideen gekommen sind, dann lass sie in dein Grundgerüst zur Handlung einfließen, wenn du eins schreiben möchtest.
:-)

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